„Rechenschwäche/Dyskalkulie: ärgerliches Nebenprodukt schulischer Widersprüche“
Die Anregung unseres Mitglieds Dr. Friedrich H. Steeg, ein Diskussionsforum zum Thema „Rechenschwäche“ zu eröffnen, haben wir gerne aufgenommen.
Der erste von Dr. Steeg verfasste Beitrag zu diesem Thema hat mich als Vorsitzende der IFRK zu den folgenden kritischen Anmerkungen veranlasst:
Schulische Auslese als Ursache von Rechenschwäche?
Die Kernaussage von Dr. Steeg: die Auslesefunktion innerhalb unseres Schulsystems und die damit verbundene Moral sei verantwortlich für das Auftreten von Rechenschwäche und ihre Begleitsymptome, wie kognitive und psychosoziale Schädigungen, halte ich für eine unzulässige Vereinfachung der nach meiner Meinung meistens sehr komplexen Zusammenhänge, die zu einer Rechenschwäche führen. Ein solches Pauschalurteil passt nicht zu den Erfahrungen, die wir in unserer Elterninitiative in den vergangenen 12 Jahren sammeln konnten.
In zahlreichen Einzelgesprächen mit Eltern rechenschwacher Kinder wurde uns von Wahrnehmungsdefiziten, von kognitiven und psychosozialen Schädigungen der Kinder berichtet, die schon vor Eintreten der Rechenschwäche festgestellt worden waren, also mit der Auslesefunktion in der Schule nichts zu tun haben konnten. Diese Defizite ließen sich vielmehr auf ererbte Dispositionen, Mängel in der Erlebniswelt der Kinder, auf fehlende Kenntnisse und Erfahrungen sowie auf prägende Negativeinflüsse im Bereich der Umwelt (Familie, Freunde, Erzieher) zurückführen (vgl. Margret Schwarz, Rechenschwäche – Wie Eltern helfen können, Berlin 1999).
Die von Dr. Steeg vorgenommene Unterstellung, die Schule betreibe Auslese als Selbstzweck, halte ich für eine stark überspitzte Aussage, die der großen Zahl von Lehrerinnen und Lehrern nicht gerecht wird, die alles daran setzen, dass ihre Schülerinnen und Schüler „möglichst schnell und leicht möglichst viel lernen“.
Mangelndes Wissen um die Rechenschwächeproblematik in der Schule
Im Übrigen fand ich aber in dem Aufsatz von Dr. Steeg auch eine ganze Reihe von Thesen, die der IFRK aus dem Herzen sprechen, wie z.B.:
„Zahlverständnis entwickeln und mit Sinn und Verstand Rechnen zu lernen ist gemeinsame geistige Arbeit von Lehrern und Schülern“ (S.1)
Vom Lehrer angewandte Förderdiagnostik (regelmäßige Lernstandsanalysen und Beurteilung der Lernvoraussetzungen) im Bereich Zahl und Rechnen sind für die meisten Kinder ein nützliches, für viele von Ihnen ein notwendiges Mittel für Lernerfolg.“ (S.1)
Allerdings – und das stimmt mit den Erfahrungen der IFRK überein – müssen wir Dr. Steeg Recht geben, wenn er sagt:
„Viele GrundschullehrerInnen haben schon von ihrer Ausbildung her vor Phänomenen wie „Rechenschwäche“ oder mathematischen Lernproblemen kapituliert. Es gelingt ihnen notwendigerweise nicht, in der Kürze der für Problemfälle verfügbaren Zeit, auch noch eine gezielte individuelle mathematische Förderung durchzuführen. Es kommt dabei die bloße Fortsetzung des Unterrichts mit Mitteln der Wiederholung (...) heraus.“
Ohne die zahllosen Negativerfahrungen rechenschwacher Kinder in der Regelschule hätten wir die IFRK nicht gegründet. Und diese Negativerfahrungen haben tatsächlich in vielen Fällen mit einer fehlenden Passung des Unterrichtsangebotes an den Lernstand der Kinder zu tun (vgl. H.-D. Gerster, Positionspapier im Abaküs(s)chen. I./97), sowie mit einer fehlenden qualitativen Fehlerdiagnostik, die als Grundlage für Förderansätze dienen kann.
Ziele der IFRK
Das Hauptanliegen der IFRK ist es nach wie vor, Öffentlichkeit und Schule für die besondere Problematik der „Rechenschwäche“ zu sensibilisieren und adäquate schulische Hilfs- und Fördermaßnahmen einzufordern. Das geschieht am besten durch das Einsetzen einer Verwaltungsvorschrift, die den schulischen Umgang mit der Problematik regelt.
Die IFRK legt ihrer Definition von „Rechenschwäche“ (vgl. Faltblatt) - in Übereinstimmung mit der Definition der WHO - eine Diskrepanz von allgemeiner Intelligenz und Rechenleistungen zugrunde.
Die Bezeichnung „Rechenschwäche“ wird dabei nicht als denunzierendes Etikett angesehen, sondern als entlastende Erklärung für eine besondere Förderbedürftigkeit.
Wir stimmen daher nicht mit Dr. Steeg überein, wenn er sagt: „Die ‚amtliche Einführung’ von Begrifflichkeiten wie ‚Rechenschwäche’ oder ‚Dyskalkulie’ einschließlich dazugehöriger Definitionen in diverse Verwaltungsvorschriften und Erlasse kann jedoch nicht zur Lösung von Lernproblemen beitragen“ (S. 12)
Des Weiteren bleiben wir dabei, Neutralität wahren zu wollen gegenüber „Ideen, Methoden und Beurteilungsmaßstäben von einzeltherapeutischer Förderung“. Eine Empfehlung für einzelne kommerziell arbeitende Institute können und wollen wir nicht geben, zum einen, weil Kommerz und Gemeinnützigkeit nach unserer Meinung nicht vereinbar sind, zum andern, weil wir es für äußerst schwierig halten, allgemein gültige Kriterien für die Güte einer Therapie festzusetzen, da jede Rechenschwäche ihre eigene Ausprägung hat. und daher u.U. unterschiedliche Therapieformen und Vorgehensweisen angewandt werden müssen.
Erste Umsetzungen der Ziele
In den Jahren 1996-98 wurde in Zusammenarbeit mit der IFRK vom MKJS Baden-Württemberg die Broschüre „Schwierigkeiten im Mathematikunterricht in der Grundschule“ entwickelt und in 1998 als Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer an alle Grundschulen des Landes verschickt.. Zeitgleich erhielten die Grundschulen in Form eines Faltblattes einen Leitfaden für Eltern mit Kurzinformationen zur Rechenschwäche, der an betroffene Eltern weitergegeben werden sollte.
Nach unserer Unterschriftenaktion, die i.J. 2000 für Hilfs- und Fördermaßnahmen bei Rechenschwäche initiiert wurde (bisher wurden von 3783 Unterschriften an das MKJS Baden-Württemberg übergeben; weitere Unterschriften liegen vor), unternahm das MKJS Baden-Württemberg weitere Schritte in unsere Richtung . Vgl. Kopie des Schreibens vom MKJS an die IFRK auf unserer Homepage.
Herr Prof. Nestle, PH Ludwigsburg, entwickelte im Rahmen seines Projektes „Schwierigkeiten im Mathematikunterricht“ ein qualitatives Diagnostikum, das sich an mathematischen Kernideen orientiert und das bei Schülern mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen eingesetzt werden kann. Die Broschüre „Qualitative Diagnose bei Schwierigkeiten im Mathematikunterricht“ erschien im Frühjahr 2002.
Wir begrüßen, dass auch das Oberschulamt Stuttgart an seiner Schulrätetagung im Kongresszentrum Stadtgarten, Schwäbisch-Gmünd am 24.9.2002 die „Rechenschwäche“ zu einem Thema gemacht hat.
Wir begrüßen, des Weiteren dass der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz auf Veranlassung seiner Präsidentin des Jahres 2001, Dr. Annette Schavan, sich seit dem letzten Jahr mit der Rechenschwäche-Problematik befasst.
Eine eigene Verwaltungsvorschrift zur Rechenschwäche-Problematik steht noch aus.
Margret Schwarz (1. Vors. der IFRK e.V.) Stuttgart, 2.9.2002