Stellungnahme zu den Anmerkungen von Frau Schwarz (IFRK) zu meinem Artikel:

"Rechenschwäche/Dyskalkulie: ärgerliches Nebenprodukt schulischer Widersprüche"

Volxheim, den 27. März 2006

Sehr geehrte Frau Schwarz,

die Veröffentlichung Ihrer kritischen Anmerkungen vom 02.09.2002 (Veröffentlichung auf der IFRK-Homepage am 03.03.2006) zum meinem Beitrag "Rechenschwäche/Dyskalkulie: ärgerliches Nebenprodukt schulischer Widersprüche" veranlaßt mich zu folgender Stellungnahme:

Sie schreiben (Ihre Zitate eingerückt):

"Schulische Auslese als Ursache von Rechenschwäche? Die Kernaussage von Dr. Steeg: die Auslesefunktion innerhalb unseres Schulsystems und die damit verbundene Moral sei verantwortlich für das Auftreten von Rechenschwäche und ihre Begleitsymptome, wie kognitive und psychosoziale Schädigungen, halte ich für eine unzulässige Vereinfachung der nach meiner Meinung meistens sehr komplexen Zusammenhänge, die zu einer Rechenschwäche führen. Ein solches Pauschalurteil passt nicht zu den Erfahrungen, die wir in unserer Elterninitiative in den vergangenen 12 Jahren sammeln konnten."

Die Zurückweisung meiner Ausführungen mit dem Argument, "pauschal" und "unzulässige Vereinfachung", "unzulässige Reduzierung von Komplexität" und vor allem der Anmerkung "paßt nicht zu unseren Erfahrungen" mag ja Ihren Standpunkt ausdrücken, ist aber keine Kritik meiner Argumentation! Sie grenzen sich ab, gehen aber inhaltlich auf kein bestimmtes Argument ein. Sie führen dazu weiter aus:

In zahlreichen Einzelgesprächen mit Eltern rechenschwacher Kinder wurde uns von Wahrnehmungsdefiziten, von kognitiven und psychosozialen Schädigungen der Kinder berichtet, die schon vor Eintreten der Rechenschwäche festgestellt worden waren, also mit der Auslesefunktion in der Schule nichts zu tun haben konnten. Diese Defizite ließen sich vielmehr auf ererbte Dispositionen, Mängel in der Erlebniswelt der Kinder, auf fehlende Kenntnisse und Erfahrungen sowie auf prägende Negativeinflüsse im Bereich der Umwelt (Familie, Freunde, Erzieher) zurückführen (vgl. Margret Schwarz, Rechenschwäche – Wie Eltern helfen können, Berlin 1999).

Und was beweisen Sie damit? Haben Sie denn damit etwas greifbares über Rechenschwäche herausgefunden? Wenn man die schlechten Matheleistungen und die Hilflosigkeit der rechenschwachen Kinder feststellt und dann den Blick auf diverse unspezifische Entwicklungsvoraussetzungen richtet, tritt allerdings ein verhängnisvolles Aha-Erlebnis ein: Das mußte ja so kommen ... "bei den Wahrnehmungsdefiziten, bei den sozialen Verhältnissen, bei der Kindheit, bei der Erlebniswelt, bei den Genen". In der Schule werden alle diese Verschiedenheiten für eine Veranstaltung genutzt, bei der auf die individuellen Unterschiede nicht eingegangen wird, sondern diese Unterschiede zur Selektion genutzt werden. Das Aha-Erlebnis erspart es LehrerInnen individuelle Lernstandsdiagnostik in den Schulen betreiben zu müssen - man weiß ja schon woher es kommt! Hilfe besteht üblicherweise in jahrelangem Üben und Ansporn zum Weitermachen. Daher braucht man sich in der Folge über schädliche Fördermaßnahmen bei gleichzeitig permanenter Überforderung rechenschwacher Kinder in den Schulen nicht zu wundern. Dieser Umgang mit anfänglichen Rechenschwierigkeiten vor und in der Grundschule führt überhaupt erst zu dem, was wir dann Rechenschwäche nennen!

Die von Dr. Steeg vorgenommene Unterstellung, die Schule betreibe Auslese als Selbstzweck, halte ich für eine stark überspitzte Aussage, die der großen Zahl von Lehrerinnen und Lehrern nicht gerecht wird, die alles daran setzen, dass ihre Schülerinnen und Schüler "möglichst schnell und leicht möglichst viel lernen".

Auslese als Selbstzweck war nicht meine Behauptung! Daß das Rechtfertigungs-Konstrukt "Rechenschwäche" sich aus der besonderen Form von Lehre unter Auslesebedingungen erklären läßt war mein Argument! Warum sollten Schulen mühsam jedes Kind fördern, wenn insgesamt "abstrakte Leistungsunterschiede" doch der "höchste" Zweck der Schule sind. "Möglichst schnell möglichst leicht viel lernen zu lassen" ist immer an die organisatorischen Maßstäbe und Lehrmethoden der Selektionsanstalt Schule gebunden. Damit ist der Lehrwille des Schulsystems von vornherein kodifiziert und auch im Wesentlichen auf selektions- und kostenneutrale Methoden beschränkt - also keine "Frage des guten Willens" von Lehrkräften für individuelle Förderung!

Das Hauptanliegen der IFRK ist es nach wie vor, Öffentlichkeit und Schule für die besondere Problematik der "Rechenschwäche" zu sensibilisieren und adäquate schulische Hilfs- und Fördermaßnahmen einzufordern. Das geschieht am besten durch das Einsetzen einer Verwaltungsvorschrift, die den schulischen Umgang mit der Problematik regelt. Die IFRK legt ihrer Definition von "Rechenschwäche" (vgl. Faltblatt) - in Übereinstimmung mit der Definition der WHO - eine Diskrepanz von allgemeiner Intelligenz und Rechenleistungen zugrunde. Die Bezeichnung "Rechenschwäche" wird dabei nicht als denunzierendes Etikett angesehen, sondern als entlastende Erklärung für eine besondere Förderbedürftigkeit. Wir stimmen daher nicht mit Dr. Steeg überein, wenn er sagt: "Die ‚amtliche Einführung’ von Begrifflichkeiten wie ‚Rechenschwäche’ oder ‚Dyskalkulie’ einschließlich dazugehöriger Definitionen in diverse Verwaltungsvorschriften und Erlasse kann jedoch nicht zur Lösung von Lernproblemen beitragen" (S. 12)

Etiketten sind immer schlecht, weil sie die Einsicht in den Inhalt der Problematik versperren und Schuldfragen und Rechtfertigungsfragen auf die Tagesordung setzen, die niemandem weiterhelfen, sondern die Widersprüche des Lernens unter Auslesebedingungen perpetuieren und zugleich verdecken. Hilfe beim Lernen gibt es nur dann, wenn konsequente Lehre mit diagnostischem Vorgehen Vorrang vor Schülerselektion erhält. Wir, die TherapeutInnen des Rechenschwächeinstitut-Volxheim, fordern seit Jahren diagnostisches Vorgehen - insbesondere bei Rechenschwäche auch in der Schule. Wir machen täglich die Erfahrung, daß an deutschen Grundschulen und weiterführenden Schulen dies fast nicht beachtet wird und mögliche (siehe auch: Schulgesetze) individuelle Rücksichtnahmen auf rechenschwache Schüler kaum genutzt werden. Dies ist daher nicht einfach als "leider noch nicht beseitigter" Mißstand zu beurteilen, sondern als ein Gegensatz schulischen Lehrens und Lernens zum individuellen Lernen, den die Bildungsinstitution Schule gegenüber Eltern und Kindern offensichtlich auch in Zukunft mehr oder weniger hartnäckig aufrechterhalten will. (siehe auch: Offener Brief an Ministerin Ahnen - MBFJ-Rheinland-Pfalz: http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/ahnen.html)

Des Weiteren bleiben wir dabei, Neutralität wahren zu wollen gegenüber "Ideen, Methoden und Beurteilungsmaßstäben von einzeltherapeutischer Förderung". Eine Empfehlung für einzelne kommerziell arbeitende Institute können und wollen wir nicht geben, zum einen, weil Kommerz und Gemeinnützigkeit nach unserer Meinung nicht vereinbar sind, zum andern, weil wir es für äußerst schwierig halten, allgemein gültige Kriterien für die Güte einer Therapie festzusetzen, da jede Rechenschwäche ihre eigene Ausprägung hat. und daher u.U. unterschiedliche Therapieformen und Vorgehensweisen angewandt werden müssen.

Wie können Sie letzteres beurteilen, wenn Sie doch gerade nicht die Inhalte der Theorien und Konzepte beurteilen wollen? Informationsbeschaffung beinhaltet im Falle einer Selbsthilfeorganisation immer auch Sichtung, Bewertung und Beratung zu den gebotenen Informationen. Die Diskussion über gute und schlechte Methoden der Therapie oder Förderung spielt sich nämlich nicht im luftleeren Raum ab. Gerade der IFRK ist für die Erarbeitung und Beurteilung von Qualitätskriterien im Bereich der Dyskalkulie im wissenschaftlichen Sinne mitverantwortlich. Dies ist zugegebenermaßen keine leichte Aufgabe. Aber: Daß etwas "schwierig ist", heißt eben nicht, daß man es sich sparen könnte - vor allem dann nicht, wenn man sich bereits für den Themenbereich für zuständig erklärt hat und daher mit Beratungserwartungen von betroffenen Eltern zu rechnen hat! Neutralität ist in diesem Fall nicht etwa ehrenwert oder seriös, sondern schlicht und einfach den Aufgaben einer Elterninitiative gegenüber unangemessen.

Mit freundlichem Gruß

Friedrich H. Steeg

Dipl.Psych., Dr.rer.soz.

http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de /
fred.steeg@rechenschwaecheinstitut-volxheim.de